JES Bielefeld e.V.

Gedenktag für Drogentote

Bielefeld, 25.07.2004

Am vergangenen Mittwoch fand bundesweit der »Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher« statt. Bielefeld hat leider besonders viel Grund zum Gedenken: Gegen den bundesweiten Trend stieg im vergangenen Jahr die Zahl der Drogentoten.

Manche Passanten schienen am vergangenen Mittwoch regelrecht einen Bogen um den Stand in der Fussgängerzone zu machen. Er war der Bielefelder Beitrag zum »Nationalen Gedenktag für verstorbene DrogengebraucherInnen«. »Wir wollen die Menschen über die Drogenpolitik und die Lage der Betroffenen informieren«, erklärt Ullrich Engelmann von JES, einer bundesweiten Selbsthilfeorganisation von Junkies, Ehemaligen und Substituierten, so der volle Name des Vereins. Aber die meisten wollen nicht informiert werden, manche Passanten werden aggressiv. »So ein alter Opa ist vorhin sogar mit Hitler dahergekommen und hat gesagt, dass der uns vergast hätte«, berichtet Ute Grote von JES. Den Infostand betreibt die Bielefelder Selbsthilfeorganisation gemeinsam mit der Drogenberatung und der AIDS-Hilfe.

Die hat in diesem Jahr die Hepatitis-Prävention in den Mittelpunkt des – inoffiziellen – Gedenktages gestellt. Nicht ohne Grund: Sechzig bis Neunzig Prozent aller Drogen gebrauchenden Menschen seien mit dem Virus infiziert, heisst es in einer Erklärung der AIDS-Hilfe NRW. »Allerdings ist es alarmierend, dass lediglich drei bis vier Prozent der behandlungsbedürftigen drogengebrauchenden Infizierten tatsächlich behandelt werden«, beklagt Guido Schlimbach, Sprecher der AIDS-Hilfe NRW. Die fordert die ärzteschaft auf, noch herrschende Vorurteile über Bord zu werfen. Ausserdem müssten in den Justizvollzugsanstalten endlich auch die Präventionsmassnahmen eingesetzt werden, die ausserhalb der Haftanstalten längst an der Tagesordnung sind, wie etwa die Abgabe von sterilen Spritzen.

Einen anderen Schwerpunkt setzt JES. Sie fordert von der Politik einen Umgang mit dem Thema Drogen, der mehr der Realität entspricht. Die Politik solle in die Nachbarländer schauen, wie sie es ja auch bei der Reform der Sozialsysteme mache. Modelle wie in der Schweiz, wo an Schwerstabhängige Heroin von staatlichen Stellen abgegeben wird, oder in den Niederlanden, empfiehlt JES zur Nachahmung. »Psychoaktive Substanzen, die im Moment verboten sind, gehören nicht in die Hand der Mafia, sondern dahin, wo legale Drogen vertrieben werden«, fordert JES Bielefeld.

Zu gedenken gilt es vieler an diesem Tag, der 1998 vom »Bundesverband der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit« ins Leben gerufen wurde. 1480 Menschen starben im vergangenen Jahr in der Bundesrepublik an den direkten Folgen des Drogengebrauchs, in NRW waren es 391. In Bielefeld verloren elf Drogengebraucher ihr Leben, sieben mehr als 2002. Und das trotz des neu eröffneten Drogenkonsumraums im Drogenhilfezentrum in der Borsigstrasse. Für ein Mitglied von JES ist dieser scheinbare Widerspruch keiner: »Wenn da ständig die Bullen rumhängen und die Leute auf dem Weg in die Einrichtung durchsucht werden, ist es doch kein Wunder, dass die nicht angenommen wird«, schimpft der Enddreissiger. Dass dem so ist, war sogar im Fernsehen in der RTL II Reality-Show ärger im Revier zu sehen, bei der zwei Bielefelder Polizeibeamte mit der Kamera begleitet wurden. »Da gab es eine Szene vor der Borsigstrasse, wo die einen kleinen Junkie gefilzt haben«, erzählt Ute Grote von JES.

Meggie Chlewinski, Mitarbeiterin des Drogenhilfezentrums, bestätigt, dass verstärkte Polizeipräsenz die Klienten abschreckt. »Letztes Jahr hatten wir viele Besucher, dann gab es mehr Polizeipräsenz und viele blieben weg«, sagt sie und vermutet ein bewusstes Vorgehen der Polizei. »Wenn die gemerkt haben, dass wir mehr Klienten haben, stand da gleich die Polizei«, kritisiert Chlewinski. Eine Abschreckungsstrategie, die tödlich sein kann. Im vergangenen Jahr gab es zwei akute Notfälle im Konsumraum, die Drogenabhängigen konnten aufgrund rascher ärztlicher Versorgung gerettet werden. »Draussen wären die gestorben«, ist sich Meggie Chlewinski sicher. Sie hofft, dass in Zukunft die Zahl der täglichen Besucher des Konsumraumes von zur Zeit täglich sieben wieder ansteigt, damit noch mehr Abhängigen das Leben gerettet werden kann und es 2004 weniger Tote in Bielefeld zu beklagen.
Von Mario A.Sarcletti

Quelle: Webwecker Bielefeld