JES Bielefeld e.V.

Gedenktag für Drogentote

Sackgasse Repression

Bielefeld, 23.07.2004

Drogentod sei meistens ein Tod auf Grund von Verboten und Kriminalisierung, sagen die Veranstalter des Gedenktags für verstorbene DrogengebraucherInnen in Bielefeld. Die Anlaufstelle in der Borsigstraße bekommt die scharfen Gesetze hautnah zu spüren: Die Zahl der BesucherInnen ist rapide gesunken, seitdem noch schärfer kontrolliert werden muss.

Der Gedenktag steht nicht im Kalender. Dennoch begingen ihn BielefelderInnen in diesem Jahr zum dritten Mal: Den "nationalen Gedenktag für verstorbene DrogengebraucherInnen" am 21. Juli. Die Drogenberatung rief am Montag zu einer Gedenkstunde am Neuen Rathaus auf, AIDS-Hilfe und die Bielefelder Selbsthilfegruppe JES machten mit einem Infostand und weißen Rosen am Spindelbrunnen auf den Gedenktag und die Drogentoten aufmerksam. Im Regierungsbezirk Detmold waren im vergangenen Jahr 32 Drogentote zu verzeichnen. 32 zu viel, wie nicht nur die VeranstalterInnen des Gedenktags in Bielefeld meinen. Zwar geht die Zahl der Drogentoten in den vergangenen Jahren ständig zurück, doch das geht der Drogenberatung, AIDS-Hilfe und JES bei weitem nicht weit genug.

"Die meisten Drogentoten sind auf Grund der Bedingungen gestorben, nicht an den Drogen", sagt Sabine Sauer, Mitarbeiterin der AIDS-Hilfe Bielefeld. Eine entscheidende Bedingung des Drogenkonsums sei die ständige Bedrohung durch Kriminalisierung, erklärt sie. Einhellig fordern JES, AIDS-Hilfe und die Drogenberatung eine Entkriminalisierung. Der im Juni eingerichtete Drogenkonsumraum in der Borsigstraße wird von ihnen einhellig begrüßt. Dort sind saubere Spritzen und ist auch eine Ärtzin zur Stelle, um in kritischen Situationen wie einem Atemstillstand einzugreifen. "Natürlich kann man an illegalen wie auch an legalen Drogen sterben", sagt Uwe Griesmeier von der Bielefelder Drogenberatung. Doch wer das entsprechende Geld besitze, könne auch mit reinen Heroin lange leben. Die überwiegende Zahl der DrogenkonsumentInnen aber habe nur verunreinigte Drogen.

Darüber hinaus sind die Drogen noch sehr teuer: "Wenn eine Flasche Bier 300 Euro kosten würde, was wäre dann hier los?", fragt Ullrich Engelmann von der Bielefelder Selbsthilfegruppe JES. So geraten Drogenkonsumenten in einen Kreislauf, aus dem es kaum ein Entkommen gibt. Um sich die Drogen leisten zu können, müssen sie viel Geld erarbeiten oder besorgen. "Sucht ist ein 24-Stunden Job", sagt Engelmann. Nicht nur der Gebrauch der Drogen ist kriminalisiert, mit der Höhe der Drogenkosten steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass kriminelle Methoden angewendet werden, um an die entsprechende Summe heranzukommen.

Das Ende der Prohibition fordern die drei Organisationen denn auch mit einer Stimme. Wäre die beendet, würde der Schwarzmarkt zusammenbrechen. Die Folge wäre, das die Qualität der Drogen sich am Markt behaupten müsste und kontrollierbar sei, der Reinheitsgehalt würde steigen. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre die staatlich kontrollierte Abgabe von Originalstoffen wie Heroin. Etwas, dass momentan in einem Pilotprojekt in einigen Städten läuft – Bielefeld ist daran allerdings nicht beteiligt. Ein ähnliches Pilotprojekt lief bereits vor Jahren erfolgreich in der Schweiz und führte dort zur staatlich kontrollierten Heroinabgabe an einigen Orten an eine begrenzte Zahl von abhängigen Personen.

Doch statt in diese Richtung zu gehen, werde an anderen Stellen die Situation der DrogenkonsumentInnen sogar noch verschlechtert. Unter dem Einfluss von Ronald Schill baute die Landesregierung in Hamburg bereits im vergangenen Jahr Spritzenkästen in Hamburger Knästen wieder ab, Niedersachsens neue christdemokratische Landesregierung folgte in diesem Jahr nach dem Regierungswechsel. Dabei sind verunreinigte Spritzen Ursache für Hepatitis-C und AIDS-Erkrankungen. "Eine Hepatitis-C Behandlung kostet den Staat 50.000 Euro. Hier werden Kosten abgewälzt. Letztlich kostet die Prohibition wahnsinniges Geld", sagt Olaf Plappert von JES. [1]

Lösungen könnte eine durchgreifende Reform des Betäubungsmittelgesetzes (Btmg) bringen. Doch die Bundesregierung scheint derzeit nicht gewillt, an dieses Thema heranzugehen. Als zu hoch wird der Widerstand in der Bevölkerung eingeschätzt, zu wenig Popularitätspunkte lassen sich damit einheimsen. Das Btmg bedroht nicht nur KonsumentInnen ständig mit Repression, auch die MitarbeiterInnen von Hilfeeinrichtungen stehen ständig mit einem Bein im Gefängnis. §29 Btmg stellt in Absatz 10 diejenige Person unter Strafe, die "eine Gelegenheit zum unbefugten Verbrauch, Erwerb oder zur unbefugten Abgabe von Betäubungsmitteln öffentlich oder eigennützig mitteilt, eine solche Gelegenheit einem anderen verschafft oder gewährt oder ihn zum unbefugten Verbrauch von Betäubungsmitteln verleitet". Eine interpretationsfähige Aussage, die bereits für eine vorübergehende Kriminalisierung von MitarbeiterInnen der Drogenberatung Bielefeld sorgte, weil die Ordnungspartnerschaft zwischen Staatsanwaltschaft, Polizei und Drogenhilfe versagte. "Die Bielefelder Staatsanwaltschaft interpretiert hier anders als beispielsweise die Staatsanwaltschaft in Hannover", sagt Griesmeier. Anders gesagt: Was in Hannoveraner Drogeneinrichtungen akzeptiert wird, gilt für Bielefeld noch lange nicht. "Der §29 muss verändert werden", fordert Griesmeier.

Auch die erneuerte Ordnungspartnerschaft in Bielefeld erstreckte sich nur auf den Drogenkonsumraum und nicht auf die Gesamteinrichtung in der Borsigstraße. Der Kriminalisierungsteufel steckt dabei im vermeintlichen Datei. Müssen die Toiletten ein Sichtfenster haben? In Bielefeld ja, entgegen der Würde jedes Menschen. Schließlich könnten auf den Toiletten ja Drogen konsumiert werden. In anderen Städten sind die Türen noch wirkliche, undurchsichtige Türen. In Dortmund hat man den unteren Türbereich abgesägt, um sehen zu können, ob jemand auf der Toilette ob einer Überdosis zu Boden geht und entsprechende Hilfsmaßnamen einleiten zu können. Die Drogenberatung in Bielefeld hat sich lange Zeit gegen die Sichtfenster im Toilettenbereich gewehrt – ohne Erfolg. Um sich selbst und die KollegInnen rechtlich zu schützen, sei die verschärfte Kontrolle auf dem ganzen Gelände notwendig, sagt Griesmeier.
Von Manfred Horn

Quelle: Webwecker Bielefeld

Anmerkung zu [1]:
Herr Olaf Plappert ist kein Mitglied von JES, sondern Mitarbeiter der Bielefelder AIDS-Hilfe!